Traumfabrik

"Traumfabrik" heißt die Schau des Potsdamer Fotokünstlers Steffen Mühle. Unter diesem Titel ließe sich sogar eine märchenhafte Hochzeit einpassen. Doch so ist das Gezeigte nicht gemeint, selbst wenn man bei Mühles Arbeiten schon an Märchen denken darf. So auf der Empore, wo eine "Es war ein-mal"-Großmutter einen geringelten Pullover strickt. Die fleißige Strickerin ist Teil einer Videoprojektion.

Steffen Mühle, Jahrgang 1960, hat sich nun nicht etwa unter die Märchenerzähler begeben. In Vorbereitung seiner Ausstellung besuchte er jedoch das Luckenwalder Heimatmuseum. Hier traf er auf die Vergangenheit und auf Roman Schmidt. Der Museumsdirektor - ein "feuriger Erzähler", wie Mühle sagt - schwärmte nicht nur von den "guten, alten Zeiten" der einstigen Industriestadt an der Nuthe. Er gewährte dem Künstler auch Einblick in die Fotosammlung seines Hauses. Aus dieser wählte Mühle, der 1987 bis 1992 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert hat, Motive aus. Am Computer entstanden aus diesem Rohstoff mit Hilfe von Farben, Linien und Lichtern und immer wieder mit an Tapetenmuster erinnernden Blumenmotiven neue Bilder. Das historische Ursprungsmotiv blieb dabei stets erhalten. Doch die Verfremdung setzt des Betrachters Fantasie in Gang, lässt ihn die Geschichte mit anderen Augen sehen. "Welch märchenhafte Vergangenheit", ging es Mühle durch den Kopf. Und tatsächlich verwandelt sich nun ein Speisesaal durch Blumendekor in die mutmaßliche Verköstigungsstätte einer Zwergenschar, erinnern die Arbeiterinnen im kolorierten Interieur eines Textilbetriebes an fleißige Goldmarien. Der Reichsarbeitsdienst wird zum Wichteltrupp, dessen Mitglieder statt Spaten Lampions vor ihren uniformierten Männerbrüsten präsentieren. Die südlich der Stadt gelegene Kiesgrube gleicht bei Mühle gar den zerklüfteten Canyons des Wilden Westens.

Wie ein Sinnbild erscheint da das Motiv eines sich umblickenden Jungen. Läuft er vor den Großmuttergeschichten davon? Oder sucht er den Weg aus unserer Zeit in diese hinein? Man weiß es nicht. Doch genau das macht den Reiz dieser Bilder aus. Mit feiner Ironie blickt der Künstler auf eine Zeit, in der das Wünschen wohl auch nicht mehr geholfen haben wird als in unseren Tagen. In "Traumfabrik", der Arbeit, die der Ausstellung den Namen gab, sieht es sogar so aus, als werkelten die Luckenwalder Hutmacher unter ihren schweren Transmissionsriemen an einem Mühle-Bild: Auf dem Tisch im Vordergrund sieht man eine himmelblaue Fläche, über die sich ein für den Künstler so typisches Blumenmuster spannt.

Und der Pullover? Auch er erzählt eine Geschichte aus dem Museum. Sein Original nämlich hat einst der gebürtige Luckenwalder Rudi Dutschke getragen. Der Studentenführer ist hier in die Schule gegangen. Von hier aus zog er in die Welt hinaus - was auch schon wieder wie ein Märchen klingt.

Text von Martin Stefke