Tapeten

Traten die Dinge in den Fotogrammen von Steffen Mühle bisher eher in ihrer Schattenhaftigkeit in Erscheinung, so beglaubigt der Künstler Welt in diesem Werkkapitel, indem er im Sinne der fotografischen Reproduktion von Gegenständen argumentiert. Wiederholend liest er den beiläufig abgelichteten Alltagsobjekten (z.B. einem Kleid, einem Eisbär, einem Fernrohr oder einigen Autoreifen auf einem LPG-Silo) ihre Sehnsucht von den Lippen. Den Übertritt aus der trauten Gemeinschaft der permanent unterbelichteten Alltagsdinge in jene Gruppe von Verweiszeichen, die das Stillleben des Daseins preisen, vollzieht Mühle ohne viel Aufhebens.

Ohne Zweifel geht es jetzt ein bisschen lustiger zu (vorausgesetzt, man findet etwas dabei, der dumpfen Ferhsehzuschauermasse in ihre blümchengemusterte Seele zu gucken). Dabei ist es ganz egal, ob einem ein Ornament heute als Herausforderung des guten Geschmacks oder als Hutband trashiger Eleganz gilt. Weil Mühle die lichtempfindliche Schicht nicht etwa auf ein einfaches Papier, sondern auf Tapete aufträgt (das Auftragsverfahren außerdem manipuliert) und die Blätter anschließend in Plastiklaminat einschweißt, atmen die Werke etwas von der abwaschbaren Gemütlichkeit, wie wir sie auch in rutschfesten Pantoffeln finden. Um der Macht der modernen Heimeligkeit vorzubeugen, hat Mühle seine Motive bewusst mit einem marktmäßig schwer vermittelbaren Graphik-Touch a la 19. Jahrhundert abgedämpft, meist ohne erklärbaren Grund rußig behaucht.

Text von Christoph Tannert