Die Dunkle Kammer

Natürlich kennt Steffen Mühle Roland Barthes' Buch "Die helle Kammer".
Insofern kann Mühles Reduzierung seiner Fotox-Idee in der "dunklen Kammer", einer Serie von Fotogrammen, nur als Verzicht auf jene Untersuchung, welcher Art die Anziehungskraft ist, die Fotos auf einen Betrachter ausüben, verstanden werden.
Mühle widmet sich einer ganz und gar unspektakulären, reichlich lange Weile herstellenden (das Rezeptionszeitmaß verlängernden) Arbeit: Nachdem er die Anwesenheit der menschlichen Figur in seinen Bildern auf Null reduziert hat, zieht es ihn in die allseitig entleerte Fläche.
Mühle arbeitet mit einem ausrangierten Kofferfernseher sowjetischer Bauart, Marke "Junost", indem er ihn seine Flächen abrollend, von allen Seiten belichtet. Einerseits wird der Fernseher, der den Überfluss der Bilder verteilende Guckkasten, kühl technologisch gedreht, gewendet uns seine 4-Seiten-plus-Mattscheiben-Abwicklung in Kreuzform an die Wand gebracht. Irgendwie haben Fernsehnachrichten ja auch eine religiöse Funktion: Sie bieten Orientierung und Halt in der Welt des Rinderwahnsinns. Andererseits stellt Mühle eine Flaschenbatterie zusammen, deren Bodenflächen das Fernsehgeviert bedrohlich lustig einkreisen.
Was wie ein abstraktes Schema aussieht, kann sich muss sich aber nicht nur selbst genügen, sondern darf (immer low level und ganz in Biertrinkerpose) seine Bezugspunkte auch aus einer medien- und konsumentenkritischen Konstruktion holen. Ob in der "dunklen Kammer" der Glaube an die Macht der Aufklärung gewinnt oder die telegenen Mächte der Finsternis, ist nicht gewiss

Text von Christoph Tannert