Fliegen

Ein paar 50er-Jahre-Fotos, die die Vorschriften der brasilianischen Fluggesellschaft VARIG zum Verhalten bei Notlandungen illustrieren, bilden das Ausgangsmaterial für "Fliegen".
Vier Dreiergruppen und ein Schlussbild ergeben eine "Nicht zu glauben" - Geschichte, in der dem Traum vom Fliegen gewisse Bandagen angelegt werden. Ein Vexierspiel der gehobenen Art mit bösen Überraschungen. Wieder bildet ein Tapetenmuster das bunte Unterfutter für einen nüchternen Visierwinkel. Steffen Mühle verdeutlicht, welche Lebensvorstellungen mit bestimmten ästhetischen Idealen verbunden sind.
Die Vorstellung vom Menschen, der sich in die Lüfte erhebt(US-Forscher basteln bereits an entsprechenden Veränderungen der Gliedmaßen!) ist ja eine hochgradig ästhetische, aber offensichtlich dubiose Vorstellung. Der zahlende Passagier ohne den Ballast der Erdschwere, frei wie ein Vogel, dafür fühlen sich Fluggesellschaften zuständig. Fehler im System zahlen die Opfer (mit ihrem Leben) selbst. Zum Glück zieht ein Super-Service an Bord nicht unbedingt einen seelebeflügelnden Empfang im Himmel nach sich. Mühle lässt eine Gesellschaftsvorstellung von Harmonie, Strukturierung und Gleichgewicht (ohne Zwang und mit offenen Rändern) kollidieren mit zu erahnenden Ereignissen, die uns jetzt bereits zwingen, die Sicherheitsgurte anzulegen. Die große Systemkrise kommt erst noch!

Text von Christoph Tannert